P. Franz Schmidberger

Die Zeitbomben des Zweiten Vatikanischen Konzils

Vortrag, gehalten am 9. April 1989 in Mainz vor der Bewegung »actio spes unica« (überarbeitet und ergänzt)

Zitierung der Konzilstexte nach „Vatikanum II, vollständige Ausgabe der Konzilsbeschlüsse“, zusammengestellt von Konrad W. Kraemer, Verlag A. Fromm, Osnabrück

© Priesterbruderschaft St. Pius X. Stuttgart 1989; 4. Auflage 2008

 

 

 

Einleitung

In der nachkonziliaren Ära stellen sich für den Katholiken zwei quälende Fragen: Die Liturgie und das Konzil. Stellt die neue Liturgie nicht einen eklatanten Bruch mit der Vergangenheit dar? Erwächst sie aus dem katholischen Dogma oder nicht vielmehr aus einem protestantischen Geist? Ist sie Quelle der Heiligung der Seelen, oder bringt sie die Oberflächlichkeit, die Banalisierung und die Entsakralisierung mit sich? Papst Benedikt XVI. hat mit seinem Motuproprio vom 7. Juli 2007, obwohl dieses sehr mangelhaft ist, einen richtigen Schritt in die richtige Richtung getan, indem er in diesem wie auch im begleitenden Brief an die Bischöfe feststellt, die überlieferte heilige Messe sei nicht abgeschafft und sei im Grunde auch nie verboten gewesen.

Damit rückt die zweite große Frage, die Frage nach dem Geist und den Texten des II. Vatkanums, in den Vordergrund: Kann man nach Abweisung des zerstörerischen Konzilsgeistes die Texte selbst annehmen, indem man ihnen eine katholische Interpretation gibt? Lässt sich das Konzil im Lichte der Tradition interpretieren, wie Erzbischof Lefebvre dies einmal gefordert hat, indem er ein Wort Papst Johannes Pauls II. aufgriff? Man kann es und man muss es, wobei allerdings die 2000-jährige Tradition der Kirche das Sieb ist, das Kriterium darstellt, an dem sich die einzelnen Texte messen lassen müssen. Erweisen sie sich mit der Tradition im Einklang, so können sie bestehen bleiben; dies dürfte rein äußerlich beim überwiegenden Anteil des umfangreichen Textes der Fall sein. Andere Textstellen erweisen sich als zweideutig und bedürfen der Klarstellung und Erläuterung. Schließlich gibt es solche Texte, die mit der Tradition nicht in Einklang gebracht werden können, folglich ausgeschieden werden müssen, ohne Wenn und Aber. Die folgenden Ausführungen wollen auf die zweite und noch mehr auf die dritte Kategorie der Konzilstexte eingehen, die wahre Zeitbomben darstellen, wie wir bald sehen werden.

Wenn wir über diesen Gegenstand sprechen, dann müssen wir ein klein wenig weiter zurückgreifen und einen Blick werfen auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg – und zwar nicht nur einen Blick auf Deutschland, sondern auf Europa und die Kirche insgesamt.

Wir leben unter dem Pontifikat Papst Pius XII., und gewaltige An­strengungen werden gemacht, um die Kirche nach dem großen Zusam­menbruch des Zweiten Weltkrieges zu konsolidieren, um wiederum an den Aufbau zu gehen und auch das missionarische Bemühen auszuwei­ten. Indes kann man nicht verkennen, dass sich hier und dort ein gewis­ses Unbehagen an der Kirche bemerkbar macht. Der Kirchenbesuch stagniert. Die Berufungen nehmen nicht zu, sondern eher ab. Viele Priester und selbst Bischöfe suchen nach ihrer eigenen Identität. Sie sehen sich inmitten einer Welt, die an die Erlösung durch den materiellen Reichtum und den technischen und naturwissenschaftlichen Fortschritt glaubt, und sie sehen keine andere Lösung, als sich irgendwie mit dieser Welt zu arrangieren und die Postulate dieser modernen Welt zu übernehmen. Dies war ein säkularer historischer Irrtum.

Die wahre Lösung hätte darin bestanden, in dieser Situation zur Hei­ligkeit aufzurufen, zur Heiligkeit aufzubrechen, die von Christus direkt oder indirekt gestifteten Einrichtungen – Ehe und Familie, Kindergarten und Schule, Ordensfamilien und Priesterseminare, vor allem das Priestertum selbst – mit neuem Leben zu erfüllen, das Apostolat in der Kir­che und die Kräfte der Erneuerung zu stärken und vielleicht Ausschau zu halten, inwiefern mo­derne Kommunikationsmittel in den Dienst der christlichen Glaubens­verkündigung gestellt werden könnten. Doch wie gesagt, man beschritt genau den umgekehrten Weg. Man begann, durch Selbstkritik, durch Selbsthinterfragung das Bewusstsein der eigenen Sendung zu untergra­ben.

Hans Urs von Balthasar mag dafür stellvertretend stehen, der bereits Anfang der Fünfzigerjahre gefordert hat, die Bastionen müssten ge­schleift werden. Und »Bastionen« meint hier nichts anderes als die Verurteilung der Zeitirrtümer durch die Päpste des 19. und des ersten Teils des 20. Jahrhunderts, insbesondere den Syllabus von Papst Pius IX. und die scharfe Zurückweisung des Modernismus durch Papst Pius X.; meint aber auch in letzter Konsequenz die erwähnten katholischen Einrichtungen. Zu unserem großen Schmerz müssen wir anfügen, dass Kardinal Ratzinger, heute Papst Benedikt XVI., in seinem Buch „Theologische Prinzipienlehre“ als Präfekt der Glaubenskongregation dieses Schleifen der Bastionen als eine fällige Aufgabe bezeichnet. Die moderne Exegese tat das ihrige dazu, um den Glauben in der Kirche abzubauen. Sie ist insbesondere inspiriert von dem protestan­tischen Rationalisten Bultmann und machte ihren Weg nicht zuletzt in den Priesterseminaren, bei Professoren und Alumnen. Karl Rahner setz­te sein Zerstörungswerk in Gang mit der Verkündigung des „anonymen Christen“, indem er behauptete, dass jedermann Christ sei, ob bewusst oder unbewusst. Man sprach von der Reform der Kirche und meinte damit nicht die Reform der Geister und der Herzen, d.h. die innere Be­kehrung und das Suchen des Ideals des gekreuzigten und auferstandenen Jesus, sondern man ließ die Sache bewusst im Unklaren, meinte aber stillschweigend die Reform der Strukturen, den Umsturz jener Einrichtungen, die der Herr selbst seiner Kirche hinterlassen hat.

Papst Johannes XXIII. gab dann das Losungswort aus: „Aggiornamento“ – Angleichung an die geänderten Zeitverhältnisse!

Donoso Cortes, der große spanische Staatsphilosoph des vorletzten Jahrhunderts, macht zwei große Irrtümer in unserer Zeit aus: Der eine Irrtum bezieht sich auf Gott, der andere auf den Menschen. Der erste Irrtum beinhaltet einen Angriff auf die Präsenz Gottes in dieser Welt. Er ersetzt das christliche, biblische, der Tradition angehörende Gottesbild durch ein deistisches, durch den Gedanken eines Gottes, der sich zur Ruhe gesetzt hat und die Welt ihrer eigenen Entwicklung und ihrem eigenen Schicksal überlässt. Einschlussweise wird damit die Abso­lutheit, Souveränität und Einzigartigkeit Gottes in Frage gestellt; denn seine innerweltliche Präsenz und seine Weltenregierung fließen aus die­sem seinem göttlichen Wesen. Daraus folgt dann aber die Leugnung der gesamten übernatürlichen Wert- und Heilsordnung. Denn wenn Gott nur ein Gedankengebäude ist, eine abstrakte Idee, weder in das Leben des Einzelnen noch der Völker eingreift, dann hat es auch keine Mensch­werdung Gottes gegeben, dann gibt es keine Kirche, kein Opfer, keine Sakramente und keine Lehrverkündigung; dann sind dies alles nur kul­turelle Erscheinungen.

Ein zweiter Irrtum, sagt Donoso Cortes, betrifft den Menschen. Der Mensch, so sagt der aufgeklärte Geist, ist gut, er ist nicht mit der Erbsünde belastet, er ist unbefleckt empfangen, unbefleckt geboren. Und folglich bedarf er keiner Erlösung, sondern einzig und allein der Erziehung und der Entfaltung der in ihm ruhenden guten Ver­anlagungen. Das führt dazu, dass das Kreuz Christi verkannt und das heilige Messopfer als seine Verlängerung mit seinem wahren Sühnecha­rakter abgelehnt wird. Der Mensch bedürfe nicht der Buße, der Entsagung, Abtötung oder Selbstverleugnung; jedermann sei vielmehr gut, menschenfreundlich, friedfertig und liebenswürdig. Genau dies hatte Rousseau der Welt schon verkündet, Zivilisation und Kultur als Ver­derbnis bezeichnet und daraus sein „Zurück zur Natur“ mit dem „Contrat social“ (Gesellschaftsvertrag) abgeleitet.

Dieses Postulat hat weiten Eingang gefunden in die Philosophie und vor allem in die moderne Theologie. Im Erziehungswesen führt es dazu, das Prinzip der Autorität fallen zu lassen, vom Kampf gegen schlechte Neigung, gegen Sündhaftes und Böses, von Zurechtweisung und Strafe abzusehen. In der Politik geht man dazu über, die Feindbilder abzubau­en und sich einem illusionären Pazifismus zu verschreiben. In der öf­fentlichen Meinung führt es zu einem unbeschränkten, grenzenlosen Fortschrittsglauben, zu einem uferlosen Heilsoptimismus, der an eine universale Verständigungs- und Einigungsmöglichkeit unter den Men­schen glaubt, somit das Paradies auf Erden als verwirklichbar ansieht und dieser Illusion auch tatsächlich all seine Kräfte widmet.

In diese Situation bricht das II. Vatikanum hinein, das ich als das größte Unglück des vergangenen Jahrhunderts bezeichnen möchte. Denn das II. Vatikanum hat nichts anderes getan, als diese gesamte Mentalität der Mo­derne, der Liberalität, der permissiven Moral sozusagen „festzuschrei­ben“, zu kodifizieren, in den inneren Kirchenraum aufzunehmen.

Betrachtet man die Dinge näher, so kann man nicht umhin, das Kon­zil dreier großer Sünden anzuklagen:

Die erste Sünde liegt in der Unterlassung des eindeutigen Herausstellens der Wahrheit und der Verurteilung des Irrtums – also ein reines Pastoralkon­zil veranstalten zu wollen.

Die zweite Sünde beinhaltet die Aufnahme zweideutiger Begriffe, die verschiedene Deutungen zulassen. Die progressistischen Drahtzieher dieses Konzils – verschworen in der so genannten „Rheinischen Alli­anz“, über die Sie nachlesen können in dem hervorragenden Buch von P. Ralph Wiltgen „Der Rhein fließt in den Tiber“ – haben bewusst und willentlich zweideutige Formulierungen und Begriffe in das Konzil eingebracht, um dann nach dem Konzil, in der nachkonziliaren Zeit, die für sie günstigen eindeutigen Folgerungen zu ziehen.

E.J. Lengeling, der selbst an der Liturgiereform beteiligt war, gibt selbst zu: „Manches musste sicherlich in den Jahren vor dem Konzil und in den beiden ersten Konzilssessionen zurückhaltend, beinahe verklausuliert formuliert werden, wenn man die – möglichst einmütige – Zustimmung zum Ganzen erreichen wollte. Dabei ist es in der Formulierung gelungen, Türen zu Entwicklungen offen zu halten, für die auch in der letzten Konzilssession sicherlich keine Zweidrittelmehrheit erreichbar gewesen wäre.“ (Liturgisches Jahrbuch 20-1970,29)

Die dritte große Sünde besteht darin, dass Aussagen in die Konzils­dokumente aufgenommen wurden, die bereits an den Rand der Häresie gehen.

Im Folgenden wollen wir versuchen, diese Anklagen ausei­nanderzusetzen und zu untermauern. Zitieren wir aber zuvor noch aus einem Buch von Pater Malinski (P. Malinski, Mon ami Karol Wojtyla, Le Centurion, 1980), in dem er jene Gespräche wiedergibt, welche er mit Erzbischof Wojtyla, dem späteren Papst Johannes Paul II., 1963 in Rom führte. Dieser erste Auszug drückt nicht nur die Einstellung des Prälaten bezüglich der Zweckbestimmung des Konzils aus, sondern ist auch bezeichnend für den Konzilsgeist und die Drahtzieher auf dem Konzil:

„Die Einberufung des Konzils und die vorbereitenden Maßnahmen für dasselbe hatten ein gänzlich unerwartetes Ergebnis. In weniger als vier Jahren hat sich die Lage innerhalb der Kirche in unglaublicher Weise verändert. Vor allem in der ganzen katholischen Welt erhoben sich leidenschaftliche Stimmen, die ein neues und aufmerksames Lesen des Evangeliums verlangten. In den Beziehungen zwischen den verschiedenen christlichen Kirchen bildete sich ein neues Klima, das des Willens zu gegenseitiger Annäherung. Niemals vorher hat ein Konzil eine so umfangreiche Vorbereitung erfahren, niemals hat man die katholische Meinung so umfassend ausgelotet. Nicht nur die Bischöfe, die katholischen Universitäten und die Generaloberen der Orden drückten ihre Meinungen bezüglich der auf dem Konzil zu behandelnden Fragen aus, sondern auch ein hoher Prozentsatz katholischer Laien und sogar von Nichtkatholiken. So hervorragende Theologen wie Henri de Lubac, J. Daniélou, Y. Congar, H. Küng, R. Lombardi, Karl Rahner und andere spielten eine außergewöhnliche Rolle bei diesen Vorbereitungsarbeiten.

Das Ziel Johannes’ XXIII. war vor allem die Einheit der Christen; auf diesem Wege hat man Riesenschritte zurückgelegt. Wie niemals zuvor ist die Kirche davon überzeugt, dass das, was alle Christen eint, stärker ist als das, was sie trennt. Die Sehnsucht nach der Einheit der Christen hängt eng zusammen mit jener nach der Einheit des ganzen Menschengeschlechts. Der neue Begriff der Idee des Volkes Gottes hat die alte Wahrheit über die Möglichkeit der Erlösung außerhalb der sichtbaren Grenzen der Kirche abgelöst. Dieser neue Grundgedanke zeigt die Haltung der Kirche gegenüber den anderen Religionen: eine Haltung, welche beruht auf der Anerkennung der zugleich geistigen menschlichen und christlichen Werte, die in Religionen wie dem Islam, dem Buddhismus oder dem Hinduismus enthalten sind ... Die Kirche will mit den Vertretern dieser Religionen ins Gespräch kommen. Und hier nimmt das Judentum eine ganz besondere Stellung ein. Der Entwurf der kommenden Erklärung spricht ganz klar von der geistigen Einheit zwischen den Christen und dem Judentum.“

 

Soweit ich sehen kann, spielen vor allem fünf Dekrete des Konzils eine verhängnisvolle Rolle:

1.      Das Ökumenismusdekret: Unitatis redintegratio;

2.      die so genannte dogmatische Konstitution über die Kirche: Lu­men gentium, wobei in dieser letzteren vor allem zwei Punkte weit reichende Folgen haben, während der übrige Text sonst nicht allzu sehr zu beanstanden wäre;

3.      die Erklärung über die nichtchristlichen Religionen: Nostra aetate;

4.      die Erklärung über die Religionsfreiheit: Dignitatis humanae;

5.      die Pastoralkonstitution über die Kirche in der modernen Welt: Gaudium et spes.

Aber auch andere Dokumente atmen einen protestantischen, aufklärerischen, die Ordnung der Kirche umstürzenden Geist. So öffnet zum Beispiel die Liturgiekonstitution die Tür für die späteren Neuerungen; in der dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung wird die Lehre von den zwei Quellen der göttlichen Offenbarung, nämlich der Heiligen Schrift und der mündlichen Überlieferung, „überwunden“; im Dekret über Amt und Leben der Priester wird das Amtspriestertum erst nach dem allgemeinen Priestertum der Laien erwähnt und von diesem gleichfalls abgeleitet. Wir beschränken uns im Rahmen dieser Abhandlung indes auf die oben angeführten fünf Dokumente.

1. Das Ökumenismusdekret

Für jeden Katholiken ist klar, dass eine untrennbare Einheit besteht zwischen Gott, unserem Herrn Jesus Christus und der Kirche: Gott der Vater sendet seinen vielgeliebten eingeborenen Sohn in die Welt, und dieser nimmt eine menschliche Natur, also einen Leib und eine mensch­liche Seele an und gründet eine Kirche, mit der er sich selbst identifi­ziert, die sein eigenes Wesen vollkommen ausdrückt und seine eigene Sendung fortsetzt: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21), spricht der Herr am Auferstehungsabend zu seinen Apos­teln. Es ist die gleiche Mission, die die Kirche wahrnimmt und die der Herr selbst während seines irdischen Lebens und Wirkens, ins­besondere in seinem Kreuzestod, ausgeführt hat. Der fleischgewordene Gott, unser Herr Jesus Christus, ist wie die Sonne, die Kirche wie die Strahlen. Sonne und Strahlen gehören unaufhebbar zusammen, bilden eine untrennbare Einheit.

Damit ist klar ausgesagt, dass die Kirche absolut, einzigartig und ein­malig dasteht, als ein Zeichen, aufgerichtet unter den Völkern, als der Tempel des lebendigen Gottes, als die Braut des geschlachteten Lam­mes, als das neue Jerusalem, das vom Himmel herniedersteigt, als das Zelt Gottes unter den Menschen, als der mystische Leib Christi, als der fortlebende und fortwirkende Herr mitten unter uns. Sie kann in keiner Weise mit anderen Religionsgemeinschaften verglichen oder so dargestellt werden, als wäre sie von den anderen christlichen Bekenntnissen nur graduell, quantitativ verschieden, denn sie ist das schlechthin Göttliche in dieser Welt; durch sie ist Gott auf dieser Erde anwesend, ist der Himmel zu den Menschen herniedergestiegen; durch sie regiert Gott die Welt, heiligt die Seelen und führt sie zu seiner ewigen Anschauung. Die Kirche ist so der unter uns Fleisch gewordene, der sichtbar auftretende Gott: in ihrem Leben, in ihrer Lehre, in ihrem Kult, in ihren Gebeten, in ihrer Regierung. Ihre Hauptaufgabe ist keineswegs, einen Beitrag zu einem immanenten Friedensreich oder zu einem mitmenschlichen, innerweltli­chen Aufbau zu leisten; sie ist vielmehr die vom Gottmenschen eingesetzte über­natürliche Heilsanstalt, dazu ausersehen, den Glauben zu verkünden, sei es gelegen, sei es ungelegen, insbesondere den Glauben an die Gottheit Jesu Christi; die Menschen zu Bekehrung und Buße aufzurufen; ihnen in Wort und Sakrament das Heil, die Gnade, das ewige Leben zu schenken.

Im Ökumenismusdekret des II. Vatikanums wird nun diesem we­senhaften Alleinvertretungs- und Absolutheitsanspruch der Kirche ent­scheidend Abbruch getan. Dort wird der verhängnisvolle Ausdruck „Kirchen“ im Plural gebraucht, eine Sprachregelung, die es vor dem II. Vatikanum nie und nirgends gegeben hat. Oder doch? Ja, es gab sie, aber als Bezeichnung der verschiedenen Ortskirchen, des gläubigen Volkes, geschart um seinen Bischof und dessen Klerus. Man sprach von der Kirche von Köln oder von Paris oder von Rom. Man benützte diesen Terminus bisweilen auch noch in einem uneigentlichen Sinn für die Orthodoxie, weil sie ein Weihepriestertum und gültige Sakramente hat; aber nie und nimmer wandte man ihn an auf häretische christliche Be­kenntnisse welcher Art auch immer.

Doch sehen wir den Text selbst an. Im § 3, Abschnitt 4, heißt es: „Eben­so sind diese getrennten Kirchen und Gemeinschaften trotz der Mängel, die ihnen nach unserem Glauben anhaften, nicht ohne Bedeutung und Gewicht im Geheimnis des Heiles. Denn der Geist Christi hat sich ge­würdigt, sie als Mittel des Heiles zu brauchen, deren Wirksamkeit sich von der der katholischen Kirche anvertrauten Fülle der Gnade und der Wahrheit herleitet“.

Es geht hier nicht um die Mitglieder anderer Bekenntnisse, sondern um die anderen Bekenntnisse selbst, um ihr System, ihre Einrichtung. Diese sollen Mittel des Heiles, Wege zu Gott sein? Welch gefährliche Relativierung der Wahrheit, die doch Königin im Reiche des Geistes ist! Nein, Unser Herr Jesus Chris­tus hat nicht mehrere Bräute, er ist am Kreuz keine Vielehe eingegangen; er hat sich einzig und allein hingegeben für seine unbefleckte, viel­geliebte Braut, die Kirche, die er mit seinem eigenen Blute erkauft hat.

Es ist eine metaphysische Unmöglichkeit, dass der Irrtum ein Weg zum Reich der Wahrheit ist; es ist eine Ungeheuerlichkeit, ich möchte sagen eine Gotteslästerung, zu behaupten, man könne sich durch fal­sche, von Menschen gestiftete Religionssysteme retten. Wer außerhalb der sichtbaren katholischen Kirche das Heil erlangt – und das mag in dem einen oder andern Fall durchaus möglich sein – der erlangt es ein­zig und allein durch die katholische Kirche, durch das Kreuz Jesu Chris­ti, von dem jede Gnade und aller Segen ausgeht. Man kann sich nicht durch eine andere Religion retten; man kann sich allenfalls in einer an­deren Religion retten, oder sagen wir noch deutlicher trotz einer anderen Religion, wenn man nämlich in einem entschuldbaren Irrtum lebt. Für wie viele Menschen dies indessen zutrifft, weiß Gott allein. Wahrschein­lich sind es viel weniger, als wir gemeinhin annehmen.

Nicht umsonst findet man im Syllabus, herausgegeben unter dem Pontifikat Papst Pius IX., drei charakteristische Ansichten unserer heutigen Zeitgenossen verurteilt:

Satz 16: „Die Menschen können in der Pflege jeder Art von Reli­gion den Weg des ewigen Heiles finden.“

Satz 17: „Wenigstens gute Hoffnung soll man haben um das ewi­ge Heil all derer, die gar nicht in der wahren Kirche Christi le­ben.“

Satz 18: „Der Protestantismus ist nichts anderes als eine ver­schiedene Gestalt desselben wahren christlichen Glaubens, in der man Gott ebenso wohlgefällig dienen kann wie in der katholi­schen Kirche.“

In § 4 des Ökumenismusdekrets heißt es dann weiter: „Von hier aus gelangen diese Gemeinschaften auch zu einer stärkeren Zu­sammenarbeit in den Aufgaben des Gemeinwohls, die jedes christliche Gewissen fordert, und sie kommen, wo es erlaubt ist, zum gemeinsamen Gebet zusammen.“ Das ganze Dekret, ja der ganze heute vertretene Ökumenismus, ist darauf angelegt, zu einem großen Einverständnis unter den verschiedenen Bekenntnissen und schließlich sogar zur Einheit der verschiedenen Religionen zu gelangen. Schon in Lumen gentium wird gleich im ersten Paragraphen die Kirche als „Sakrament und Instrument der Einheit des ganzen Menschengeschlechtes“ dargestellt – ein Gedanke, der weder in der Heiligen Schrift, noch bei den Kirchenvätern, noch in früheren Konzilien zu finden ist. Dadurch sollen die Religionen beitragen zum Fortschritt der Völker, zur Entwicklung der Kultur, zur Aus­breitung eines innerweltlichen Friedens, zum Umweltschutz, zur Vertei­digung der Menschenrechte, zum Kampf gegen Rassismus, zum Enga­gement in der Dritten Welt; es geht also primär um eine humanere und politisch tragbarere Welt.

Genau diese Aufgabe hat aber die Kirche nicht, zumindest nicht an erster Stelle. Gewiss hat sie eine Soziallehre und hat auch zu allen Zeiten die Würde des Menschen, wie sie sich aus dem Naturrecht ergibt, ge­schützt und verteidigt. Doch ihre erste und wesentliche Aufgabe ist eine rein übernatürliche: den Völkern den Glauben zu verkünden und den Seelen die Gnade zu schenken. Daraus fließt die christliche Kultur, die ihrerseits die wesentliche Aufgabe der Kirche, nämlich die Glaubensverkündigung und Heilsstiftung, begünstigt.

Dann fordert das Konzil die Katholiken zur Selbstanklage auf: „Ob­gleich nämlich die katholische Kirche den ganzen Reichtum der von Gott geoffenbarten Wahrheit und der Gnadenmittel besitzt, ist es doch Tatsache, dass ihre Glieder nicht mit der entsprechenden Glut daraus leben, so dass das Antlitz der Kirche den von uns getrennten Brüdern und der ganzen Welt nicht recht aufleuchtet und das Wachstum des Rei­ches Gottes verzögert wird.“

Hier ist der Diabolus, der Durcheinanderwerfer und Verwirrer, am Werk; denn hier wird, wie so oft im Denken des modernen Menschen, die objektive göttliche Schöpfungs- und Erlösungsordnung mit der subjektiven Verwirklichung im Einzelmenschen, mit der Anwendung in der konkreten Person ver­mischt. Es geht nämlich gar nicht darum, dass wir Katholiken unserer Religion nicht immer treu entsprochen, unseren Glauben nicht immer wirklich gelebt haben. Es geht vielmehr darum, ob die katholische Kir­che die von Christus gestiftete Heilsanstalt sei, wobei sich deren Kinder freilich selbst ständig im Geiste erneuern, bekehren müssen und ihrer Lehre gemäß leben sollen. Es geht mit anderen Worten um die Wahr­heit, nicht um die Wahrhaftigkeit, um das Dogma, nicht um die Moral. Die Wahrhaftigkeit fußt auf der Wahrheit, und die Moral fließt aus dem Dogma, nicht umgekehrt.

Kein Mensch, abgesehen von der allerseligsten Jungfrau Maria, ent­spricht vollkommen dem Heilsplane Gottes; jeder Mensch lädt tagtäglich Schuld und Sünde auf sich. Diese Schuld wächst bisweilen ins Riesenhafte, vor allem, wenn sie in pharisäerhafter Weise im Mäntelchen der Gerechtig­keit einhergeht. Hat nicht der Herr von den Ärgernissen gesprochen, die kommen müssen?

Man sieht also, wie ganz offensichtlich Zweideutigkeiten, Vermi­schungen und Verwirrungen in die Dokumente des II. Vatikani­schen Konzils hineingetragen worden sind.

Ein weiteres Beispiel dieser Art findet sich in § 11 unseres Dekrets. Dort heißt es: „Die Art und Weise der Formulierung des katho­lischen Glaubens darf keinerlei Hindernis bilden für den Dialog mit den Brüdern“. Wenn die Glaubensverkündigung keinerlei Hindernisse für den Dialog mit den Brüdern darstellen soll, dann muss ich notwendiger­weise eine ganze Anzahl der inhaltsreichsten Dogmen verschweigen: Ich darf nichts sagen über das heilige Messopfer als ein Werk der Sühne; ich muss schweigen über die Wirksamkeit der göttlichen Gnade; ich habe den päpstlichen Primat zu übergehen; die gesamten Mariendogmen sind zu unterschlagen, ebenso die Wahrheit über das Fegfeuer, die Ge­meinschaft der Heiligen und die Fürsprache der Seligen des Himmels. Denn all diese grundkatholischen Aussagen sind ein Ärgernis für den Protestantismus und somit ein Hindernis für den Dialog.

Im nächsten Satz des Konzilstextes heißt es dann: „Die gesamte Leh­re muss klar vorgelegt werden“ – ein deutlicher Widerspruch zur ersten Aussage. Denn einerseits soll man alles, was Anstoß erregen könnte, zurückstellen, verschweigen; andererseits soll man die gesamte Lehre klar vortragen. Durch ein wahrhaft teuflisches Hintertürchen will man aus diesem Dilemma heraus: Man spricht von einer Rangordnung oder Hierarchie der Wahrheit innerhalb der katholischen Lehre! Zwar gibt es eine Ordnung der Dogmen insofern, als das eine aus dem anderen fließt, das eine also das andere direkt zur Grundlage hat; aber nie und nimmer in dem Sinn, dass das eine weniger wichtig wäre als das andere; denn wer auch nur ein einziges Dogma bewusst in Abrede stellt, der stellt die das Dogma tragende Autorität Gottes und damit jedes Dogma, den ge­samten Glauben, in Abrede. Von der „Hierarchie der Wahrheit“ zu sprechen, ist eine Ungeheuerlichkeit, ein Generalangriff auf das Chris­tentum! Zum Glück hat am 24. Juni 1973 die Römische Glaubenskongregation in Mysterium ecclesiae den Sinn dieser Aussagen in Kontinuität zur Tradition der Kirche folgendermaßen erklärt: „Diese Hierarchie bedeutet, dass sich gewisse Dogmen auf andere, grundlegendere stützen, und durch sie erhellt werden. Alle Dogmen aber müssen, da sie ja geoffenbart sind, mit dem gleichen göttlichen Glauben geglaubt werden.“ Anhand dieses Beispiels wird klar, wie notwendig Richtigstellungen sind, und wie sie in einzelnen Fällen auch tatsächlich möglich sind.

In solch widersprüchlichen Aussagen sind übrigens auch die nachkonziliaren Konflikte samt und sonders programmiert: Ein Moder­nist beruft sich nach Konzilsende darauf, dass die Glaubensverkündi­gung kein Hindernis für den Dialog mit den Brüdern bilden darf und leugnet durch Verschweigen die Hälfte des Glaubensinhalts, wobei ihm bei seiner willkürlichen Interpretation noch der so genannte Konzilsgeist zu Hilfe kommt. Ein Konservativer hingegen sagt: „Aber sehen Sie doch hier: ‚Die gesamte Lehre muss vorgelegt werden!’ Hier haben Sie die erneute Bekräftigung des guten alten katholischen Standpunktes!“

Früher oder später kommen diese Zeitbomben zur Zündung und rich­ten eine geistige Katastrophe nicht nur in der Kirche, sondern in der ganzen Menschheit an.

 

2. Die dogmatische Konstitution über die Kirche

Gehen wir nunmehr über zu Lumen gentium, der so genannten dogmatischen Konstitution über die Kirche. In § 8 heißt es dort, die einzige Kirche Christi „subsistiere“, habe ihre konkrete Existenzform in der katholischen Kirche. Dieses kleine Wort subsistit in – subsistiert ist ohne jeden Zweifel einer der ge­fährlichsten Ausdrücke des gesamten Konzils. Die Aussage kommt der Häresie sehr nahe; in ihrer Folgerung wird sie dann wirklich häretisch. Denn diese Formulierung setzt voraus, dass die Kirche Gottes rein we­sensmäßig, gedanklich getrennt werden kann von der katholischen Kir­che, dass zwei verschiedene Einheiten bestehen (Kirche Christi und ka­tholische Kirche), die in akzidentieller Weise, also zufällig zusammen­fallen: Die Kirche Christi sei in der katholischen Kirche verwirklicht, subsistiere in ihr, finde in ihr ihre konkrete Existenzform. Nach katholi­scher Auffassung ist diese Kirche dagegen die katholische Kirche. Die Neuerer haben diesen Begriff subsistit in in den Konzilstext eingeschleust – nachdem in den ersten Textentwürfen noch die absolute Identität „est Ecclesia catholica“ behauptet worden ist – um nach Konzilsende ihre Folgerungen daraus zu ziehen: Die Kirche kann sich im Fortschritt der Zeit vielleicht auch in anderen Bekenntnissen darstellen, oder sie kann wenigstens ihr Wesen mit anderen Bekenntnissen teilen. In letzter Konsequenz führt dies dann zu der Aussage, die verschiedenen Religionen oder wenigstens die verschiedenen christlichen Bekenntnisse seien nur quantitativ untereinander verschie­den; sie alle seien mehr oder weniger Offenbarungen des einen Gottes und Heilswege zu ihm.

Dieses Verb subsistit in tritt aufs Neue im neuen Kirchenrecht, Can. 204, § 2 auf, wo es heißt, die Kirche Gottes subsistiere in der katholi­schen Kirche. Anhand dieses kleinen Beispiels wird klar, wie sehr das neue Kirchenrecht des Jahres 1983 in seinem dogmatischen Gehalt Kon­zilslehre in rechtlicher Form festzuschreiben sucht. Man findet es dann wieder im Weltkatechismus der katholischen Kirche des Jahres 1992 und in dessen Zusammenfassung, dem Kompendium des Jahres 2005. Die Erklärung der Glaubenskongregation vom 10. Juli 2007 schränkt die falsche Deutungsmöglichkeit wohl ein, lässt aber die Unklarheit wurzelhaft bestehen.

Beim hl. Paulus liest man im 2. Thessalonicherbrief 2, 10: „Denn sie haben die Liebe zur Wahrheit, die sie retten sollte, sich nicht zu eigen gemacht. Deshalb schickt Gott ihnen die wirksame Kraft der Verfüh­rung, dass sie der Lüge Glauben schenken. So sollen alle, die der Wahr­heit nicht geglaubt, sondern an der Gottlosigkeit ihr Wohlgefallen hat­ten, dem Gericht anheim fallen“. Hier spricht der Völkerapostel offensichtlich vom heutigen Strafgericht Gottes über die Welt: Es ist die Ver­blendung der kirchlichen Führer und auch der Staatsmänner wie die Verhärtung ihrer Herzen und als Folge davon der Abfall der Völker von Gott. Sie hätten die Liebe zur Wahrheit verloren, sagt der Völkerapostel; die Wahrheit aber ist immer eine absolute, zeitlose, über dem Raum, über den Individuen, über der Mode und der Tagesmeinung stehende. Sie herrscht. Sie ist eine Aufforderung an den Einzelnen, in all ihren Konsequenzen angenommen und verwirklicht zu werden. Sie ist nie­mals eine Frage der Mehrheit, dem Laufe der Zeit und den Verhältnis­sen unterworfen. An ihrer Absolutheit festzuhalten, ihre Rechte zu ver­künden, ist erste Katholiken- und Christenpflicht. Wer dieser Pflicht nicht nachkommt, der verleugnet die personhafte Wahrheit, die Gott ist; der verleugnet die Fleisch gewordene Wahrheit, die unser Herr Jesus Christus ist. Er gleicht Pilatus, der damals am ersten Karfreitag Christus und Barrabas auf die gleiche Stufe gestellt hat und das Volk wählen ließ.

Die zweite zu beanstandende Aussage betrifft die Regierungsgewalt über die universale Kirche. Gemäß dem I. Vatikanum des Jahres 1869/70 hat diese allein der Papst inne. Hier der betreffende Canon: „Wer also sagt, der römische Bischof habe nur das Amt einer Aufsicht oder Leitung und nicht die volle oberste Gewalt der Rechtsbefugnis über die ganze Kirche, und zwar nicht nur in Sachen des Glaubens und der Sitten, sondern auch in dem, was zur Ordnung und Regierung der über den ganzen Erdkreis verbreiteten Kirche gehört, oder wer sagt, er habe nur einen größeren Anteil, nicht aber die ganze Fülle dieser höchsten Gewalt, oder diese seine Gewalt sei nicht ordentlich und unmittelbar ebenso über die gesamten und einzelnen Kirchen wie über die gesamten und einzelnen Hirten und Gläubigen, der sei ausgeschlossen“ (DS 3064).

In Lumen gentium wird nun gelehrt, es gebe eine doppelte Autorität in der Kirche, nämlich einerseits die Autorität des Papstes (daran wird im Augenblick noch festgehalten), andererseits die der Bischöfe in Verbindung mit dem Papst. Diese Autorität der Bischöfe in Verbindung mit dem Papst kommt in den Konzilien zum Tragen; aber nach der bis­herigen Lehre war sie genau auf diese Perioden beschränkt. Nunmehr wird sie ausgeweitet auf die gesamte Zeit; dadurch treten die Bischofskonferenzen als Mitregenten auf. Gewiss, sie können nur immer entscheiden in Verbindung mit dem Papst; doch leiten sie aus dem Konzil ein Recht ab, mitzubestimmen und mitzuregieren. Und so zerstört die Kollegialität die päpstliche Monarchie und bereitet den Weg zur Errichtung von Nati­onalkirchen. Die Bischofskonferenzen der USA, Frankreichs, aber auch Deutschlands und der Schweiz lösen sich mehr und mehr von Rom und beschreiten ihren eigenen Weg. Als der Papst vor wenigen Jahren die Schweiz besuchte, haben ihn die Schweizer Bischöfe begrüßt als Kolle­gen im Bischofsamt von der Ortskirche von Rom! Nicht anders äußerte sich der Pariser Kardinalerzbischof Vingt-Trois nach dem Besuch von Papst Benedikt XVI. in Paris und Lourdes.

Durch das Prinzip der Kollegialität wird übrigens die Autorität auf allen Ebenen der Kirche gelähmt: Der Pfarrgemeinderat ersetzt den Pfarrer, der Priesterrat den Bischof; durch die Bischofskonferenz steht der einzelne Bischof, der kraft göttlicher Einsetzung Hirte seiner Diözese ist, unter der Knute der Bischofskonferenz; das Bischofskollegium tritt als Machtinstrument gegen die päpstliche Kirchenleitung auf. Professor Georg May spricht von einer „anderen Hierarchie“.

Papst Paul VI. legte sich offensichtlich im letzten Augenblick Re­chenschaft über die verschlagenen Absichten der Neuerer ab: Aus dem mehr als zweideutigen Text sollte nach dem Konzil die eindeutige Auslegung im Sinne der Demokratisierung und Auflösung der Kirche gezogen werden. Angeblich hat er geweint. Jedenfalls verordnete er, eine Nota praevia, eine kurze erklärende Note dem vorausgehenden Konzilstext hinzuzufügen.

Nun ist es Aufgabe eines Konzils, die Lehre deutlicher ins Licht zu rücken, abzuklären und gegen Irrtümer abzugrenzen. Offensichtlich hat dieses Dokument genau das Gegenteil bewirkt: Es vernebelte die Lehre und machte sie so unklar, dass es eines eigenen Anhanges bedurfte, um das Schlimmste abzuwenden und den päpstlichen Primat zu retten. Die­se Nota praevia ist Bestandteil des Gesamtkonzilstextes. Sie ist ein blei­bendes Zeugnis, wie auf diesem Konzil der Rhein in den Tiber geflossen ist. Zum großen Schaden des Papsttums findet sich diese doppelte Auto­rität wieder im neuen Kirchenrecht ohne jede Berücksichtigung der No­ta praevia des Konzils (Can. 336 / Can. 337 § 2), im Katechismus der katholischen Kirche des Jahres 1992 (Nr. 883) und im Kompendium des Jahres 2005 (Frage 183).

Die Zerstörung der Autorität des Papstes führt ohne Zweifel zur Zer­störung der Autorität im Staat, am Arbeitsplatz, in der Schule, in der Familie. Denn die Kirche hat richtungweisende Stimme, Beispielhaftigkeit für und gnadenhafte Ausstrahlung auf die gesamte Ge­sellschaft. Was in ihrem inneren Raum geschieht, pflanzt sich in der Gesellschaft fort, findet dort seinen Widerhall. Und so darf es uns nicht wundern, wenn seit Ende der Sechzigerjahre eine antiautoritäre Welle wie eine Sturzflut über unsere Länder hinwegrollt.

 

3. Die Erklärung über die nichtchristlichen Religionen

Das dritte Dekret des Konzils, das als Zeitbombe wirkt, wirken muss, ist das Dekret über die nichtchristlichen Religionen Nostra aetate. Ohne Zweifel beinhalten diese Systeme eine ganze Reihe natürlicher Wahrheiten, Philosophien, Lebensweisheiten; auch haben sie hier und dort noch ein Element aus der Uroffenbarung Gottes bewahrt, die Gott am Schöpfungsmorgen Adam und Eva anvertraut hat. Darüber hinaus haben sie Elemente aus der geoffenbarten Religion übernommen, so zum Beispiel der Islam den Glauben an den einen Gott. Man wird also die verschiedenen Weltreligionen differenziert betrachten müssen. Trotzdem kann man sagen, dass diese nichtchristlichen Religionen den Menschen eher von der Wahrheit, von der vollen übernatürlichen Wahrheit, dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus, abhalten als zu ihr hinführen. Sie sind nicht nur keine Heilswege, sie sind viel eher Systeme des Widerstands gegen den Heiligen Geist. Sie befreien den Menschen nicht, sondern sie halten ihn gefangen im Irrtum, im Dunkel des Unglaubens und nicht selten in Leidenschaft und Unmoral. Es ist beispielsweise tausendmal schwieri­ger – ja praktisch unmöglich – einen Mohammedaner zur Kirche zu bekehren als einen Heiden aus dem afrikanischen Busch.

In Nostra aetate werden vor allem vier weit verbreitete Religionen ins Auge gefasst, nämlich der Hinduismus, der Buddhismus, der Islam und das Judentum.

Bezüglich des Hinduismus heißt es, die Menschen erforschten in ihm das göttliche Geheimnis in seinen Tiefen und „bringen es in einem un­erschöpflichen Reichtum von Mythen und tiefdringenden philosophischen Versuchen zum Ausdruck. Sie suchen in der Weise des aszetischen Lebens oder durch tiefe Betrachtung oder auch, indem sie mit Liebe und Vertrauen Zuflucht zu Gott nehmen, Befreiung von der Enge und Beschränktheit unserer Situation“.

Es genügt, ein einziges Mal nach Indien zu reisen, um dieses Dekret Lügen zu strafen und ihm die Vorspiegelung falscher Tatsachen vorwerfen zu müssen. Ich habe anlässlich einer mei­ner Reisen in dieses Land zum Beispiel mit P. Maschio in Bombay ge­sprochen, der dort mehr als 60 Jahre als Missionar wirkte und mir wörtlich erklärte: „Es gibt im Hinduismus kein Erbarmen und keine Barmherzig­keit, obwohl bei weitem nicht alle Hindus arm sind und somit den Not Leidenden durchaus etwas geben könnten“. Dieses völlige Fehlen der Nächstenliebe ist verwurzelt im Hinduismus selbst, der die Reinkarnation, die Wiederfleischwerdung der Seele lehrt, wenn sie aus diesem menschlichen Leibe scheidet – Reinkarnation selbst in eine andere Le­bensform, z.B. in eine Ratte oder eine Maus. Diese Seelenwanderung setzt sich solange fort, bis die Seele ihr Karma, ihre Schuldenlast abge­tragen hat und in ihre Ruhe eingehen kann. Hilft man nun einem Armen, so hindert man ihn daran, sein Karma abzutragen und verlängert damit den Weg seiner Seelenwanderung. Und folglich gibt es unter den Hin­dus keine Werke der christlichen Caritas. Das Bedrückendste bei einer Reise in dieses Land ist nicht, die tausendfältige Not, den Schmutz und das Elend zu sehen, sondern festzustellen, wie die Inder selbst unge­rührt, ohne jegliche Anteilnahme, ohne jegliches Mitgefühl, an diesem Elend vorübergehen und es offensichtlich als normal ansehen, dass Men­schen auf der Straße leben und Menschen auf der Straße sterben.

Dazu kommt die Vergötterung der Kuh als Symbol der Fruchtbar­keit; als solches ist sie heilig; sie zu schlachten, wäre ein Sakrileg.

Der Konzilstext spricht davon, die Hindus nähmen mit Liebe und Vertrauen Zuflucht zu Gott. Zu welchem Gott? Wissen denn die Kon­zilsväter nicht, dass der Hinduismus alles andere als ein Eingottglaube ist? Und die geplagten, unerlösten, zum Teil hasserfüllten Gesichter drü­cken etwas ganz anderes aus als Vertrauen und Liebe.

Über den Buddhismus sagt das Konzil: „Der Buddhismus anerkennt in seinen verschiedenen Formen das ra­dikale Ungenügen dieser veränderlichen Welt und lehrt einen Weg, auf dem die Menschen frommen und vertrauenden Herzens entweder den Zustand vollkommener Befreiung erreichen oder, sei es durch eigenes Tun, sei es durch Hilfe von oben, zur höchsten Stufe der Erleuchtung zu gelangen vermöchten“.

Genau das werfen wir dem Buddhismus vor: dass er an die Selbster­lösung glaubt und damit dem Christentum radikal entgegengesetzt ist. Wir Katholiken bekennen die absolute Notwendigkeit eines Erlösers; wir wissen um das freie Geschenk der Gnade – ganz anders der Budd­hismus. Sein oberstes Ziel besteht darüber hinaus im Eingehen ins Nirwana, ins Nichts, während das Christentum das Eingehen in die höchste Wirklichkeit, in die Liebe, in die persönliche Liebe, in die Allerheiligste Drei­faltigkeit als Ziel vor Augen stellt. Zwei getrennte, unversöhnbare Wel­ten also, die sich hier gegenüber stehen.

Das Schwerwiegendste indessen liegt beim Buddhismus darin, dass zwischen Schöpfer und Geschöpf, zwischen Gott und Welt kein Unterschied gesetzt wird. Gott ist die Na­tur, die Natur ist Gott, so verkündet diese pantheistische Religion. Und folglich grenzt sie sich gegenüber dem Christentum auch nicht ab, sondern versucht, dieses in ihren Monismus als Ausdruck der einen Religiosität zu integrieren. Auch der Hinduismus hat deutliche Neigungen zum Pantheismus hin.

In Japan gibt es beispielsweise mehr Mitglieder in den einzelnen Re­ligionen als die gesamte Bevölkerung zählt, weil viele Menschen mehre­ren Religionen zugleich angehören!

Was Wunder, wenn ökumenische Theologen eine gewisse Affinität zu diesen Religionen an den Tag legen!

Man kann nicht leugnen, dass durch die illusorischen, irreführenden und falschen Ausführungen des Konzils eine gewisse Hoffähigkeit für die asiatischen Religionen in Europa erreicht worden ist. Immer mehr asiatisches Gedankengut bricht in Europa, ins ehemals christliche Abendland ein: Reinkarnation, Esoterik und die wahrhaft teuflische Be­wegung „New Age“ breiten sich aus wie ein Flächenbrand. Letztere durchdringt alle Organisationen, die staatlichen wie die gesellschaftlichen, und hat ihre Agenten nicht zuletzt in der UNO sitzen. Der Regenbogen kündet landauf, landab den Tod des Christentums und den Anbruch der antichristlichen Ära an.

Gewiss gehen solche Entwicklungen nicht allein auf das Konto des Konzils; aber sie gehen auch auf sein Konto, und das ist schwer­wiegend. Hier und dort sind in den letzten Jahren Jugendliche nach In­dien gereist, um sich den Gurus anzuschließen, oder nach Amerika, um Bhagwan zu huldigen und von ihm entpersönlicht, versklavt und ausge­beutet zu werden. Wir dürfen diese Jugendlichen indes nicht verteufeln, denn das II. Vatikanum lehrt, dass von alldem, was in diesen Religionen wahr und heilig ist, von der katholischen Kirche nichts ver­worfen wird!

Was sagt das Konzil über den Islam? „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Moslems, die den alleinigen Gott anbeten, den Schöpfer des Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat.“

Ein großer Lobpreis also auf jene Religion, die unsere Väter mehr­fach unter größtem Einsatz und dem Opfer ihres Lebens zurückgewor­fen haben, da sie sich zum Ziel gesetzt hat, die Erde durch Feuer und Schwert dem Halbmond zu unterwerfen. Die deutschen Bischöfe ha­ben aus solchen Aussagen des Konzils die entsprechenden Konsequen­zen gezogen und die Pfarrer aufgefordert, die kirchlichen Einrichtungen, d.h. Pfarrsäle, Kindergärten, Jugendheime und Ahnliches für den islami­schen Kult zur Verfügung zu stellen. Und jetzt befürwortet die deutsche Bischofskonferenz sogar den Bau von Moscheen.

Rom selbst richtet jedes Jahr zu Beginn des Fastenmonat Ramadan eine Grußbotschaft an die Moslems, um sie zu beglückwünschen und ihnen Gottes Heil und Segen zu wünschen.

Der Bürgermeister der Ewigen Stadt hat den Moslems ein 30.000 m2 gro­ßes Grundstück für den Aufbau eines islamischen Zentrums geschenkt, vor allem für die Errichtung der größten Moschee außerhalb der arabi­schen Welt. Zur Feier der Grundsteinlegung hat der Vatikan selbst zwei Vertreter entsandt, nachdem die Päpste zu Anfang dieses Jahrhunderts sich energisch und mit Erfolg gegen ein solches Projekt zur Wehr gesetzt hatten.

Doch lesen wir weiter die Beschreibung des Islams gemäß dem Konzil: „Sie [die Muslime] mühen sich, selbst seinen [d.h. Gottes] ver­borgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich so gern beruft. Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, ver­ehren sie doch als Propheten, und sie ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen. Überdies erwar­ten sie den Tag des Gerichtes, an dem Gott alle Menschen auferweckt und ihr Vergelter ist. Daher haben sie eine hohe Achtung vor dem sittli­chen Leben und verehren Gott besonders durch Gebet, Almosen und Fasten“.

Selbstverständlich ist in diesem Text nichts ausgesagt über den Kampf des Halbmondes gegen die Allerheiligste Dreifaltigkeit, gegen die Gottheit Christi; es wird nicht der Aufruf im Koran erwähnt, die Christen zu töten oder zu unterjochen; unterschlagen wird auch die Vielweiberei oder die völlig fleischliche Darstellung der Seligkeit: Man ist umso glücklicher im Himmel, je mehr Frauen man hat!

Was dem Islam im 16. und 17. Jahrhundert mit Waffengewalt nicht gelungen ist, das schafft er heute in der nachkonziliaren Ära auf friedli­chem Wege. Er besetzt Europa. Frankreich wird überschwemmt von Arabern, Deutschland von Türken, England und Skandinavien von Pakistani. In England wird beispielsweise alle zwei Monate eine neue Mo­schee eröffnet. In Deutschland gab es vor 50 Jahren eine Handvoll islamischer Zentren; heute sind es über 2000. Und daran ist das schönredende Konzil nicht unschuldig. Papst Johannes Paul II., der sich immer als Erbe der beiden Konzilspäpste und als Vollstrecker der Beschlüsse dieser Versammlung sah, sagte beim Besuch der Al-Azhar-Universität in Kairo im Januar 2000: „Ich danke Ihrer Universität, dem größten Zentrum der islamischen Kultur. Ich danke all jenen, die die islamische Kultur entwickeln, und ich bin dankbar für alles, was Sie tun, um den Dialog mit der christlichen Kultur zu nähren“ (frz. Ausgabe des Osservatore Romano vom 29.02.2000).

Wenn es stimmt, dass wir die Moslems in ihrem Glauben mit Hoch­achtung betrachten müssen, dann sieht man nicht ein, warum unsere Vorfahren sich am 7. Oktober 1571 bei Lepanto der türkischen Flotte in den Weg gestellt und eine blutige Schlacht auf sich genommen haben; oder warum am 12. September 1683 am Kahlenberg bei Wien eine nicht weniger große Schlacht ausgetragen wurde und Papst Innozenz XI. selbst die größten Anstrengungen unternommen hatte, um ein christli­ches Heer zu sammeln, um so der Gefahr die Stirne zu bieten. Unsere Väter sind dann Dummköpfe gewesen. Sie hätten nur „mit Hochach­tung“ den Islam betrachten, sie hätten nur begreifen müssen, dass dieser „den alleinigen Gott anbetet“, den „lebendigen und in sich seienden“, den „barmherzigen und allmächtigen“; dann hätten sie erkannt, dass er zwar die Gottheit Christi nicht anerkennt, aber abgesehen von diesem Detail ihn doch als Prophet verehrt, und dass seine Anhänger ein sittli­ches Leben in Gebet, Almosen und Fasten führen. Damit wäre der schönste Ökumenismus möglich gewesen!

In der dogmatischen Konstitution Lumen gentium wird sogar im § 16 behauptet, die Muslime beteten mit uns zusammen den einen Gott an („nobiscum Deum adorant unicum“). Seit wann sind Allah und die Allerheiligste Dreifaltigkeit ein und derselbe Gott?

Was sagt das Konzil zum Judentum? Für uns Deutsche handelt es sich hier ohne Zweifel um ein delikates Thema. Ich beschränke mich darum auf rein theologische Aussagen.

Das gesamte Alte Testament ist von Gott eingerichtet worden zur Vorbereitung des Messias. Er hat ein Volk unter allen Völkern in be­sonderer Weise auserwählt und ihm seine Offenbarung, sein Gesetz und die Verheißung geschenkt, dass aus ihm der zukünftige Erlöser hervor­gehen werde. Und als dieser Erlöser auftrat, hat ihn sein eigenes Volk verworfen. „Er kam in sein Eigentum, doch die Seinigen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1, 11).

Mit dem Kreuzestod Christi ist der Vorhang des Tempels zerrissen, der Alte Bund abgeschafft, wird die Kirche, die alle Völker, Kulturen, Rassen und sozialen Unterschiede umfasst, aus der durchbohrten Seite des Erlösers geboren. Damit sind aber die Juden unserer Tage nicht nur nicht unsere älteren Brüder im Glauben, wie der Papst bei seinem Synagogenbesuch in Rom 1986 behauptete; sie sind vielmehr des Gottesmordes mitschuldig, so lange sie sich nicht durch das Bekenntnis der Gottheit Christi und die Taufe von der Schuld ihrer Vorväter distanzieren. Im Gegensatz dazu behauptet das II. Vatikanum, man könne die Ereignisse des Leidens Christi weder allen damals le­benden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen (§ 4).

Stimmt dies überein mit der Lehre des ersten Papstes, des hl. Petrus, der den Juden unterschiedslos zuruft, sie hätten den Urheber des Lebens getötet (vgl. Apg 3,15)? Die gläubigen Juden des Alten Testamentes, Abra­ham, Isaak, Jakob, diese sind unsere älteren Brüder im Glauben, und wir Christen sind ihre geistigen Söhne, denn wir glauben an den Messias, der mitten unter uns aufgetreten ist und in seiner Kirche unter uns wohnt und an dessen Kommen Abraham, Isaak und Jakob geglaubt haben, das sie erhofften und ersehnten.

Wir sehen mit Trauer Papst Johannes Paul II. und nun auch Papst Benedikt XVI. in eine jüdische Synagoge gehen. Wir sehen mit Trauer Johannes Paul II. die verschiedenen Weltreligionen nach Assisi zum gemeinsamen Gebet um den Frieden rufen. Dabei sagte er ausdrücklich, man müsse das Assisi-Geschehen im Lichte des II. Vatikanums sehen, und das II. Vatikanum von Assisi aus rückschauend verstehen. Aber zu welchem Gott will man überhaupt beten? Zu den Gottheiten des Hinduismus und des Buddhismus, die mit der Schöpfung selbst zusammenfallen? Oder zu Allah, der in scharfem Gegensatz zur lebendigen Dreieinigkeit steht? Unser Gott ist der gekreuzigte und auferstandene Jesus, zusammen mit dem Vater und dem Heiligen Geist der dreifaltige Gott. Wir kennen keinen anderen.

Und dann muss sich der Papst die Frage gefallen lassen: Misst er dem Gebet anderer Religionen als Religionen einen positiven Wert bei, oder, was aufs Gleiche hinausläuft, gibt es andere Vermittler zwischen Gott und den Menschen als den Gottmenschen Jesus Christus und seine von ihm gestiftete Kirche? Wohlgemerkt, auch hier erlauben wir uns wie­derum kein Urteil über das Gebet der einzelnen Seele, dessen Heilswert Gott allein bekannt ist, sondern über das Gebet der anderen Religionen als solchen.

Auch versteht man nicht, um welchen Frieden man mit anderen Reli­gionen beten will; denn den wahren Frieden, wie ihn die Welt eben ge­rade nicht gibt, gibt der Herr seinen Jüngern. Er besteht in der Ausgie­ßung der Gnade in die Seelen und damit in der Nachlassung der Erbsün­de und der persönlichen Sünden. Aus ihm fließt der soziale Friede, der politische Friede, der Friede unter den Völkern.

Dort, wo unser Herr Jesus Christus thront, wo er regiert, wo er die Seelen zu seinem Himmel gemacht hat, wo die Familien, die Schulen, die Krankenhäuser, die Arbeitsstätten, die Gerichtshöfe, die Parlamente ihn als Freund und Hausherrn eingeladen und aufgenommen haben, da herrscht der Friede Christi im Reiche Christi, Pax Christi in regno Chris­ti. Anderswo wird der Friede vergeblich gesucht. Außerhalb des Frie­dens der Versöhnung mit Gott gilt auch heute noch, vielleicht mehr denn je, das Wort des Propheten Jeremias: „Sie rufen Friede, Friede, und es war kein Friede“ (Jer 6,14).

Wie sehr dieser verderbliche Geist der Entthronung unseres Herrn in den Köpfen und Herzen der Gläubigen bereits bis ins letzte Dorf vorge­drungen ist, habe ich auf einer Reise nach Asien erfahren. In Sri Lanka sagten mir unsere dortigen Freunde, der Ortspfarrer habe ge­rade am Sonntag vor meiner Ankunft vor seiner ganzen Gemeinde mit 600-700 Leuten dargelegt, wie wir in Zukunft die Götzen früherer Zei­ten als Götter verehren müssten, wie es in absehbarer Zeit nur noch eine einzige Weltreligion gebe und wie es denjenigen, die in der Vergangen­heit ihr Blut für den Glauben vergossen hätten, wohl am seelischen Gleichgewicht gefehlt habe.

 

4. Die Erklärung über die Religionsfreiheit

Die vierte große Zeitbombe, die ins II. Vatikanische Konzil ein­geschmuggelt worden ist, ist die Religionsfreiheit. Sie bedeutet nichts anderes als die Laisierung der Staaten und der Gesellschaft: Im öffentli­chen Bereich, so wird gesagt, d.h. in den Verfassungen, in den Parla­menten, in den Gerichtshöfen, in den Schulen, Krankenhäusern, Büros und Fabriken hätten alle Religionen gleiches Recht; keine dürfe be­schränkt oder gar verboten werden, so lange sie sich nicht als gemeinge­fährlich erweise. Und dies sei ein Naturrecht, gegründet auf der Würde der menschlichen Person. Dazuhin, so behauptet man, sei der Staat in­kompetent in religiösen Fragen; er könne von sich aus gar nicht wissen, welches die wahre Religion sei. Man lehrt also von kirchlicher Seite aus ausdrücklich den staatlichen Agnostizismus. Hier der Text des II. Vatikanums: „Das Vatikanische Konzil erklärt, dass die menschliche Person das Recht auf Religionsfreiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, dass alle Menschen von jedem Zwang frei sein müssen, sowohl von Seiten Ein­zelner wie von Gruppen in der Gesellschaft wie von jeglicher menschli­chen Gewalt, und zwar in der Weise, dass in religiösen Dingen niemals jemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, und nicht daran gehindert wird, privat und öffentlich, als Einzelner oder in Ver­bindung mit Anderen nach seinem Gewissen zu handeln, innerhalb der gebührenden Grenzen. Ferner erklärt das Konzil, das Recht auf Religi­onsfreiheit sei in Wahrheit auf die Würde der menschlichen Person selbst gegründet, so wie sie durch das geoffenbarte Wort Gottes und auch durch die Vernunft selbst erkannt wird“ (§ 2).

Dass der Mensch nicht gezwungen werden kann und darf, eine gewis­se Religion anzunehmen, ist völlig klar und wurde von der Kirche stets gelehrt (vgl. Can. 1351, CIC 1917). Auch in den privaten Bereich hat der Staat nicht einzugreifen. Doch etwas anderes ist es, im öf­fentlichen Bereich die Anhänger falscher Religionen daran zu hindern, ihre religiösen Überzeugungen durch öffentliche Kundgebungen, Missionierungsarbeit und Errichtung von Gebäuden für ihren falschen Kult in die Tat umzusetzen. Denn ist Jesus Christus der einzige Gott und sein Kreuz die einzige Heilsquelle, so muss dieser Alleinvertretungsanspruch in der Gesellschaft so weit wie nur möglich und im Rahmen des klugen Abmessens der Staatsober­häupter geltend gemacht werden. Nur die Wahrheit hat ein (Natur-) Recht, der Irrtum nie und nirgends. Oder hat etwa der Islam ein Naturrecht darauf, Moscheen zu bauen? So ist die Ablehnung der Religionsfreiheit im oben angegebenen Sinn ein machtvoller Schutz für die Seelen, die sonst unablässig der Pro­paganda der Sekten und den Eroberungsfeldzügen der nichtchristlichen Religionen mehr oder weniger schutzlos ausgesetzt sind.

Als ich unlängst in Südamerika war, habe ich feststellen können, wie dort überall Niederlassungen der Zeugen Jehovas, der Adventisten, der Mormonen und ähnlicher Sekten wie Pilze aus dem Boden schießen.

Der Behauptung der Freigeister in der Kirche, der Staat müsse neut­ral sein, er sei inkompetent in Sachen Religion, stellen wir die zwei Aussagen des hl. Paulus gegenüber: „Omnia in ipso constant“ (Kol 1, 17) – alles, auch Regierungen und die öffentliche Ordnung, hat in Ihm Bestand. Und die andere: „Oportet illum regnare“ (1 Kor 15,25): Er soll herrschen! Weil die Regierungen nicht mehr in ihm bestehen, des­halb fallen sie; weil eine gottlose Horde schreit: „Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche“ (Lk 19, 14), weil nicht mehr anerkannt wird, dass in keinem anderen Namen Heil ist (Apg 4, 12), deshalb schlittern wir von Krise zu Krise in Politik, Wirtschaft, Erziehungswesen, im Sozialbereich, auf mo­ralischer Ebene, im künstlerischen Schaffen, in der Achtung der Autori­tät. Jesus Christus herrscht nicht mehr. Er hat allen­falls ein Mitdaseinsrecht neben Buddha, Mohammed und irgendwelchen Sektenführern; aber er ist nicht mehr der König des Denkens und der König der Herzen.

Mit Entschiedenheit haben die Päpste bis zu Pius XII. eine solche Lästerung Unseres Herrn zurückgewiesen. Papst Pius IX. nennt in der Enzyklika Quanta cura die Religionsfreiheit eine verkehrte Meinung und Lehre, die er kraft seiner apostolischen Pflicht und Sorge um den heiligsten Glauben, um die rechte Lehre, um das Heil der Seelen und kraft seiner apostolischen Vollmacht zurückweise, verbiete und verdamme, und er wolle, dass alle Söhne der katholischen Kirche sie durchaus als zu­rückgewiesen, verboten und verdammt ansähen. Und im schon erwähn­ten Syllabus sind folgende zwei Irrtümer bezüglich der Religionsfreiheit verurteilt:

Satz 77: „In unserer Zeit geht es nicht mehr an, die katholische Reli­gion als einzige Religion eines Staatswesens anzuerkennen unter Ausschluss aller übrigen Arten von Gottesverehrung.“

Satz 78: „Daher ist es lobenswert, wenn in gewissen katholischen Ländern gesetzlich vorgesehen wird, dass die Einwanderer öffentlich ihre eigene Religion, welcher Art sie auch sei, ausüben dürfen.“

Hand in Hand mit der Religionsfreiheit geht die Verkündigung einer grenzenlosen Gewissens- und schrankenlosen Meinungsfreiheit, konkre­tisiert und unablässig eingefordert in der so genannten Mündigkeit der Christen. Was Wunder, wenn die Gläubigen mit Berufung auf ihr sub­jektives Gewissen protestieren wie bei der Verkündigung der Enzyklika Humanae vitae oder bei gewissen Bischofsernennungen! Wer Wind sät, der wird Sturm ernten. Wer Zeitbomben legt, der muss wissen, dass sie eines Tages explodieren.

Bei der Diskussion um die Abtreibung wurde beispielsweise in der Bundesrepublik Deutschland so argumentiert: Es wäre bei Änderung des Paragraphen 218 ja niemand zur Abtreibung verpflichtet; es werde einzig und allein bei gewissen Voraussetzungen die Straffreiheit zugesi­chert. Aber genau das verurteilen wir! Wir fordern, dass Pornographie, Abtreibung, ja jedes öffentliche Laster gesetzlich verboten und die Übertretung dieser Gesetze entsprechend geahndet wird. Denn der von der Erbsünde gekennzeichnete Mensch bedarf der Schranken und der Straf­gesetze; nur so wird die Tugend wirksam geschützt und gefördert. Hat es nicht schon Papst Gregor XVI. „eine irrige Meinung, ja sogar „Wahn­sinn“ genannt, es solle für jeden die Freiheit des Gewissens verkündet und erkämpft werden“? (Mirari vos vom 15. August 1832)

 

5. Die Pastoralkonstitution über die Kirche in der modernen Welt

Die Pastoralkonstitution Gaudium et spes ist vielleicht zeitgeschichtlich und gesellschaftswirksam das verderblichste im ganzen Konzil; denn sie verkündet unter dem Mäntelchen der bloßen Beschreibung von Tatsa­chen einen unbegrenzten, schrankenlosen Heilsoptimismus, die Einrich­tung des Paradieses auf Erden durch Technik, Wissenschaft und Fortschritt.

Es genügt, die entsprechenden Passagen nachzulesen, um sich davon zu überzeugen. In § 5 heißt es folgendermaßen: „Die heute zu beobachtende Unruhe und der Wandel der Lebensbedingungen hängen mit einem umfassenden Wandel der Dinge zusammen, der sich in der wachsenden Bedeutung niederschlägt, die im Bildungsbereich Mathe­matik und Naturwissenschaften sowie die Wissenschaften vom Menschen haben, im praktischen Bereich die auf ihnen aufbauende Technik. Diese positiv-wissenschaftliche Einstellung gab der Kultur und dem Denken ein neues Gepräge gegenüber früheren Zeiten. Schon geht die Technik soweit, dass sie das Antlitz der Erde selbst umformt, ja, sie geht schon an die Bewältigung des planetarischen Raumes.“

Hat nicht Papst Paul VI. anlässlich der Mondlandung im Jahre 1969 ein Gloria auf den Menschen gesungen: „Ehre sei dem Menschen, Kö­nig der Erde und jetzt auch Fürsten des Universums?“

Und weiter heißt es dann im Konzilstext: „Auch über die Zeit weitet der Mensch gewissermaßen seine Herrschaft, seinen Geist aus: über die Vergangenheit mit Hilfe der geschichtlichen Erkenntnisse, über die Zu­kunft durch vorausschauendes Planen. Zur gleichen Zeit geben der Fort­schritt der Biologie, der Psychologie und den Sozialwissenschaften dem Menschen nicht nur die Aussicht auf ein besseres Wissen um sich selbst, sie helfen auch, mit Hilfe bestimmter Techniken das gesellschaftliche Leben unmittelbar zu beeinflussen. Gleichzeitig beginnt das Menschen­geschlecht immer mehr daran zu denken, sein eigenes demographisches Wachstum vorausschauend zu planen.“

Haben die Protestler gegen Humanae vitae und Befürworter der Pille angesichts solcher Konzilsfeststellungen nicht Recht?

Doch fahren wir weiter im Text: „Der Gang der Geschichte selbst er­fährt eine so rasche Beschleunigung, dass die Einzelnen ihm schon kaum mehr zu folgen vermögen. Das Schicksal des Menschengeschlechtes wird eines und ist schon nicht mehr aufgespalten in verschiedene ge­schichtliche Abläufe.“ Hier zeigt sich die Fratze des Kol­lektivismus und der heutigen Globalisierung.

„So vollzieht das Menschengeschlecht einen Übergang von einem mehr statischen Begriff der Ordnung der Dinge zu einem mehr dynamischen, der die Entwicklung betont.“ Brechen hier nicht eindeutig die Gedanken Teilhard de Chardins durch? Dieser ist ja, wie man weiß, von Kardinal Ratzinger sehr ge­schätzt, ebenso von dem damaligen Erzbischof Karol Wojtyla, der seinerseits stark mitbeteiligt war bei der Erarbeitung dieses Konzils­textes. Alles wird sich also zum Besseren wandeln; der Mensch wird Schritt für Schritt absoluter Herr über die Schöpfung, eine Art Gott.

In § 12 steht zu lesen: „Es ist fast einmütige Auffassung der Gläubigen und der Nichtgläubigen, dass alles auf Erden auf den Men­schen als sein Ziel und seinen Gipfel hinzuordnen ist.“ Unser alter Katechismus gibt hier eine ganz andere Auskunft. Gleich in der ersten Frage: „Wozu sind wir auf Erden?“ heißt es: „Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und einst ewig bei ihm zu wohnen.“ Gleiches sagt der hl. Ignatius von Loyola in „Prinzip und Fundament“ seiner Geistlichen Übungen, wo es heißt, der Mensch sei geschaffen dazuhin, Gott, unseren Herrn, zu loben, ihn zu verehren und ihm zu dienen und so seine Seele zu retten.

Lesen wir weiter im Text. In § 57 vernehmen wir, die Chris­ten hätten die Aufgabe, „zusammen mit allen Menschen am Aufbau einer menschlicheren Welt mitzuarbeiten“. Was nützt es da, wenn der Heilige Geist durch den Mund des Völkerapostels Paulus uns mahnt, mit den Ungläubigen nicht an einem Joch zu ziehen? „Denn was haben Gerechtigkeit und Gottlosigkeit miteinander zu tun? Was haben Licht und Finsternis gemeinsam? Wie stimmen Christus und Belial zusam­men? Was hat der Gläubige mit dem Ungläubigen zu schaffen? Wie verträgt sich der Tempel Gottes mit Götzen?“ (2 Kor 6, 14 ff)

Diese nicht nur äußere sondern innerliche Kollaboration mit der Welt wird uns in § 62 noch einmal ausdrücklich ans Herz ge­legt: „Die Gläubigen sollen also in engster Verbindung mit den anderen Menschen ihrer Zeit leben und sich bemühen, deren Art und Weise, zu denken und zu empfinden, die sich in der Geisteskultur ausdrückt, voll­kommen zu begreifen.“

Wer ist dieser Mensch unserer Zeit? Es ist der sinnli­che, gesetzlose, materialistische Mensch des 20. und 21. Jahrhunderts. Wir ha­ben ihn längst verstanden, und genau dank diesem Verständnis lehnen wir seine Maxime „non serviam – ich will nicht dienen“ restlos ab.

„Neues Wissen und neue Lehren sowie die Kenntnisse von den neu­esten Erfindungen mögen sie mit dem christlichen Sittengesetz und mit den Unterweisungen in der christlichen Lehre verbinden, auf dass Reli­gion und Sittlichkeit mit der wissenschaftlichen Erkenntnis und dem täglich wachsenden technischen Fortschritt bei ihnen Schritt halten und sie so alles aus einem umfassenden christlichen Geist zu beurteilen und zu deuten vermögen.“

Wenn man nur im neuen Wissen und den neuen Lehren, in der Erkenntnis der neuesten Erfindungen alles aus einem umfassenden christlichen Geiste zu beurteilen vermag, waren dann nicht unsere Vorfahren, die nichts von Mondlandung und Computern verstan­den, religiöse Analphabeten? Wie konnten sie dann überhaupt das Geheimnis der Gottheit Christi oder der Unbefleckten Empfängnis verstehen?

Indes bleibt der Mensch inmitten der Technik, der Naturwissenschaft und der Mathematik, was er ist, ein „ens ab alio“, ein von Gott restlos abhängiges Wesen, dazu noch von der Erbsünde schwer verletzt, der Erlösung bedürftig, die er nicht selber leisten kann und die schon gar nicht von der Technik kommt!

Im gleichen § 62 liest man kurz davor: „In der Seelsorge sollen nicht nur die theologischen Prinzipien, sondern auch die Erkennt­nisse der profanen Wissenschaft, vor allem der Psychologie und der Soziologie, genügend anerkannt und angewendet werden, so dass auch die Gläubigen zu einem reineren und reiferen Glaubensleben geführt werden.“

Ist hier nicht bereits die Ersetzung des Beichtvaters durch den Psy­chologen bzw. Psychoanalytiker programmiert, genauso wie die Gruppen- und Motivgottesdienste, wo auf einmal Verkehrstafeln in der Kirche aufgestellt oder im Fasching Narrenmessen abgehalten werden? Kardinal Ratzinger hat selbst in seinem Buch „Theologische Prinzipien­lehre“, herausgegeben im Jahre 1982, als er bereits Präfekt der Glau­benskongregation war, bekannt, Gaudium es spes stelle einen Gegen-Syllabus dar, verkünde also das, was unter dem Pontifikat von Pius IX. in 80 Sätzen von der Kirche ausdrücklich verworfen und verurteilt wor­den ist.

Der 80. dieser verurteilten Sätze stellt sozusagen das gesamte Programm des in den Kirchenraum eingedrungenen Liberalismus dar, wie er bis ein­schließlich Pius’ XII. von den Päpsten vor dem Konzil angeprangert wor­den ist, wie ihn indes das II. Vatikanum auf den Schild erhebt: „Der römische Papst kann und soll sich mit dem Fortschritt, mit dem Libera­lismus und mit der neuen Menschheitsbildung versöhnen und befreun­den.“ Genau das behauptet Gaudium et spes: Die Gläubigen sollen mit den Menschen aller Ideologien und Schattierungen in engstem Kon­takt stehen, sie in ihrem Liberalismus, in ihren Irrtümern zu verstehen suchen und so lernen, zu einem „reiferen“ Christentum zu kommen! Wir danken für dieses reifere Christentum!

Die Pastoralkonstitution stellt auch einen schweren Angriff auf die Ehemoral dar, indem sie die Eheziele implizit vertauscht: In § 49 wird zuerst die Liebe der Ehegatten erwähnt, was nach überlieferter Lehre sekundäres Eheziel ist, und erst in § 50 wird über die Fruchtbarkeit in der Ehe gesprochen, was doch das Primärziel der ehelichen Verbindung darstellt. Bei dieser Abhandlung der Fortpflanzung führt das Dokument eine ganze Litanei von Bedingungen auf, welche die Eheleute beherzigen müssen, bevor sie sich zur Zeugung eines weiteren Kindes entschließen: „Hierbei werden sie auf ihr eigenes Wohl wie auf das ihrer Kinder – der schon geborenen oder zu erwartenden – achten. Sie werden auf die materiellen wie geistigen Lebensbedingungen der Zeit und ihrer eigenen Lage ihr Augenmerk richten, sie werden schließlich dem Wohl der Familiengemeinschaft, der weltlichen Gesellschaft und auch der Kirche Rechnung tragen.“ Nach katholischer Auffassung hingegen stellen sich die Eheleute der Vorsehung Gottes anheim, und nur bei entsprechend schwerem Grund greifen sie auf die natürliche Art der Geburtenregelung zurück.

Donoso Cortes führt in seinem Brief an Kardinal Fornari aus, die ein­gangs erwähnten zwei Irrtümer über Gott und den Menschen ließen sich im Letzten auf einen einzigen reduzieren: „Er besteht darin, dass man die hierarchische und unveränderliche Ordnung, die Gott in die ganze Schöpfung gelegt hat, entweder verkennt oder verkehrt. Diese Ordnung begründet die hierarchische Oberhoheit alles dessen, was übernatürlich ist, über alles das, was natürlich ist: folglich auch des Glaubens über die Vernunft, der Gnade über den freien Willen, der göttlichen Vorsehung über die menschliche Freiheit und der Kirche über den Staat – mit einem Wort, die Oberhoheit Gottes über den Menschen.“

Die Folgen der Verkennung oder Verkehrung der von Gott gesetzten Schöpfungs- und Erlösungsordnung durch die Männer in der Kirche selbst führt zum Nachlassen des Kampfgeistes im Lager der Katholiken, zum völligen Erschlaffen des Eroberungswillens. Es fehlt in der Kirche die Freude, die Begeisterung, der Eifer, der opferbereite Einsatz für die Sache Gottes und den Sieg des Christkönigs. Es fehlt an der Überzeu­gung, dass die Völker missioniert werden müssen, dass die Gnade die Seele verwandelt, dass Christus das Heil der Welt ist und dass das Heil sonst nirgends zu finden ist.

Die katholische Kirche ist heute nicht mehr die wohlgeordnete Schlachtreihe Gottes, mehr als eine Milliarde Menschen umfassend, sondern ein müder Haufen von Erlahmten, Eingeschlafenen, Fahnenflüchtigen, de­nen die Sache des Meisters vollkommen gleichgültig ist oder die gar mit dem Feind gemeinsame Sache machen. Charakteristisch mag die Hal­tung eines inzwischen verstorbenen Kurienkardinals erscheinen. Vor wenigen Jahren sagte er mir: „Was geht Erzbischof Lefebvre die Sache der Kir­che an? Lassen Sie dies die Angelegenheit des Papstes sein. Wenn der Papst in die Hölle geht, lassen Sie den Papst in die Hölle gehen!“

 

6. Wahre und falsche  Restauration

„Der Rauch Satans ist durch einen Spalt in die Kirche eingedrungen“, stellte Papst Paul VI. am 21. Juni 1972 während einer Generalaudienz fest. Mit dieser Feststellung sind die meisten noch gläubigen Katholiken einverstanden; nur völlige Illusionisten oder bewusst arbeitende Zerstörer sprechen heute noch von einem neuen Pfingsten oder einem neuen Aufbruch der Kirche.

Wenn man aber fragt, welches dieser Spalt sei, so scheiden sich die Geister. Eher konservativ ausgerichtete Bischöfe geben im Allgemeinen dem Zeitgeist und den Massenmedien die Schuld am Zerfall von Glaube und Sitte. Sie vergessen dabei, dass Christus die Welt überwunden hat und die Kirche den gleichen Auftrag hat. Nicht der Zeitgeist hat die Kirche zu missionieren, sondern die Kirche den Zeitgeist.

Priester und Gläubige der Ecclesia-Dei-Gruppen sehen die Ursache dieses Unglücks vor allem in einer falschen Interpretation und Anwendung des Konzils. Aber ist nicht das Konzil selbst dieser Spalt, der Konzilsgeist, oder besser gesagt, -ungeist und auch die Konzilstexte? Wer diese aufmerksam und unvoreingenommen liest, kann nicht umhin, die Frage zu bejahen. 45 Jahre nach dem Konzil gibt es keinen Zweifel mehr: Konzil und nachkonziliarer Niedergang stehen nicht mit einem post hoc, sondern mit einem propter hoc miteinander in Verbindung, also nicht mit einem einfachen „danach“, sondern mit einem „weil“. Das Konzil hat mit dem subsistit in, mit dem Ökumenismusdekret die „Diktatur des Relativismus“ (Kardinal Ratzinger) eingeleitet. Mit der Erklärung zur Religionsfreiheit hat es die Entchristlichung der Gesellschaft eingeläutet; wenn nämlich der Staat alle Religionen so betrachten soll, als würden sie sich auf die Würde der menschlichen Natur gründen, dann begreift man nicht mehr, warum nicht auch der einzelne Mensch dies tun soll. So öffnet die Religionsfreiheit des Konzils die Türe zur religiösen Indifferenz und zum Abfall vom Glauben. Vor kurzem erhielt ich einen Brief, der diesen neuen Geist ins helle Tageslicht rückt. Darin heißt es: „In uns Menschen, in Tieren und Pflanzen ist ein göttlicher Funke. Daher sind wir Menschen auch verpflichtet, die wir ja durch Gottes Gegenwart in uns alle Geschwister sind, uns anderen Menschen, Rassen und Religionen gegenüber tolerant und brüderlich bzw. schwesterlich zu verhalten, niemanden zu diskriminieren und zu verurteilen. Jede Religion hat ihre Berechtigung, ist sie doch nur ein anderer Weg zu Gott. Vielleicht ist es bei anderen Religionen ein weiterer Weg, vielleicht ein Umweg, vielleicht ein steilerer Weg, aber ein Weg zu Gott ist es auf jeden Fall. Und ich muss Ihnen sagen, dass die Menschen anderer Religionen, die Gott treu dienen, tolerant und liebevoll anderen Menschen gegenüber sind, ihre Gebote halten, wesentlich näher bei Gott sind als diejenigen unserer Religion, die über diese Menschen herziehen, sie diskriminieren und sie als Heiden bezeichnen. Es gibt doch nur einen Gott. Warum darf ein Mensch anderer Religion Gott nicht einen anderen Namen geben? Nennen die Juden doch Gott auch anders, nämlich Jahwe. Warum darf ein Muslim Gott nicht Allah, ein Hindu Gott Brahman nennen? Es ist immer derselbe Gott, den auch wir anbeten, nur unter anderem Namen.“

Die Abkehr der Liberalen und Neomodernisten von einer absoluten, unveränderlichen, ausschließlichen, jeden Menschen in gleicher Weise verpflichtenden Wahrheit kann nur in Konsumsucht oder in einer Gewaltherrschaft oder in Terror und Chaos oder in allem zugleich enden. Daher muss jede wahre Restauration bei der Philosophie des gesunden Menschenverstandes ansetzen und sich mit Haut und Haar der Liebe zur Wahrheit verschreiben. „Veritas liberabit vos – Die Wahrheit wird euch frei machen“, sagt der Herr im Evangelium (Joh 8,32). Er sagt nicht: Die Freiheit werde uns wahr oder wahrhaftig machen. Die Freiheit steht also im Dienste der Wahrheit und nicht umgekehrt.

Im Lichte der objektiven Wahrheit, der natürlichen und der im Dogma als geoffenbart enthaltenen, müssen die Texte des Konzils geprüft, Zweideutigkeiten auf die Eindeutigkeit hin erklärt und die verheerenden Zeitbomben entschärft und beseitigt werden. Der verstorbene Kurienkardinal Stickler sagte mir mehrmals in Rom, das II. Vatikanum bedürfe selbstverständlich einer Revision. Solange die Irrtümer dieses Konzils nicht zugegeben und richtig gestellt, solange die Sünden des Konzils nicht bereut und wiedergutgemacht sind, gibt es keine wahre Genesung des mystischen Leibes des Herrn und der Christenheit im Großen. Öffentliche Schuldbekenntnisse sind heute „in“, insbesondere, wenn sie auf dem Rücken unserer Vorfahren oder einer vergangenen Zeit abgelegt werden. Wir warten mit Sehnsucht auf das Schuldbekenntnis jener, die durch das II. Vatikanische Konzil und die daraus folgenden Reformen die Kirche der Erniedrigung und die Seelen dem Verderben ausgeliefert und dem Dreifaltigen Gott die schuldige Ehre geraubt haben. „Initium operum bonorum confessio est operum malorum“, sagt der heilige Augustinus in seinem Kommentar zum Johannesevangelium: „Der Beginn der guten Werke ist das Bekenntnis der bösen Taten.“

Ernennungen konservativer Bischöfe, die vermehrte Feier der heiligen Messe im überlieferten Ritus, die Rückkehr zur ehrfürchtigen Kommunionspendung und dem anbetenden Empfang ist sehr zu begrüßen. Wenn sich aber die Restauration unter Ausblendung des Problems der Lehre und des Glaubens darauf beschränkt, dann ist es eine falsche Restauration. Hier liegt der Kardinalfehler bei den meisten Ecclesia-Dei-Gruppen; sie versagen sich dem Kampf gegen die Irrtümer des II. Vatikanums und gegen den Liberalismus im Allgemeinen. Man ist geneigt, von „Erbsünde“ und Fahnenflucht zu sprechen.

Daher hat die Priesterbruderschaft St. Pius X. in ihren Gesprächen mit Rom seit dem Jahr 2000 unablässig einen Drei-Phasen-Plan vorgestellt:

1. Wir bitten als Vorleistung von Rom die öffentliche Rehabilitierung der überlieferten heiligen Messe – dies ist durch das Motuproprio vom 7. Juli 2007 einigermaßen erfüllt worden. Darüber hinaus erbitten wir die Zurücknahme des Exkommunikationsdekrets gegen die vier von Erzbischof Lefebvre geweihten Bischöfe, die nicht aufgrund einer Notsituation in der Bruderschaft, sondern einer Notsituation in der Kirche konsekriert worden sind; eine Notsituation, hervorgerufen durch den im II. Vatikanum triumphierenden Liberalismus und die neue Theologie.

2. Wir wollen wenigstens die großen Linien bezüglich der Neuausrichtung der Kirche mit den römischen Behörden oder eigens dazu ernannter Theologen offen debattieren, insbesondere den Ökumenismus, die Religionsfreiheit und die Kollegialität. Oder sollen wir in einem rein praktischen Abkommen, wie Kardinal Castrillòn Hoyos es dringend wünscht, die beanstandeten Konzilstexte grundsätzlich anerkennen und beispielsweise mit Hochachtung den Islam betrachten, der in wenigen Jahren in Deutschland die Kirchenglocken durch den Muezzinruf ersetzt haben wird?

3. Sobald wir über die Grundprinzipien in der Lehre einig sind, einig auf der Grundlage der 2000-jährigen unveränderlichen Lehre, steht die Priesterbruderschaft St. Pius X. in einer ihr verliehenen angemessenen rechtlichen Struktur Papst und Bischöfen für den Wiederaufbau der zerstörten Stadt Gottes mit Freuden zur Verfügung.

Rom muss die verheerenden Zeitbomben des II. Vatikanischen Konzils entschärfen und vollkommen beseitigen. Dafür zu arbeiten und zu beten ist Pflicht eines jeden aufrechten Katholiken. Der verheerende Konzilsgeist muss niedergerungen, der Spalt, durch den der Rauch Satans in die Kirche eingedrungen ist, sofort geschlossen werden.

Inzwischen gilt es, heldenhaft unter dem Kreuz der Ausgrenzung auszuharren. Wir vertrauen dieses Anliegen der allerseligsten Jungfrau Maria, der Mutter der Barm­herzigkeit an, die ihren bedrängten Kindern immer zur Seite gestanden hat, um sie gegen die Irrtümer und Verführungen Satans zu verteidigen. Sie ist weder liberal noch modernistisch: Sie kennt keinen anderen Gott als ihren vielgeliebten Sohn. Mit ihr zusammen singen wir das

Christus vincit - Christus regnat - Christus imperat!

Christus siegt - Christus regiert - Christus herrscht!

 

 

Stuttgart, im Rosenkranzmonat Oktober 2008